
Das Lesen des Heiligen Korans ist die direkteste Form der Kommunikation mit dem Schöpfer aller Welten. Diese Handlung ist nicht nur eine textliche Entschlüsselung, sondern ein Prozess der Aufnahme in die göttliche Gegenwart. In der islamischen Tradition gilt der „Adab“ (Etikette) als die Seele und das Wesen des Handelns; ein Gottesdienst ohne Adab wird mit einem Baum ohne Früchte verglichen. Auch wenn der Zugang zu Informationen heute sehr einfach ist, steht die Qualität der Beziehung zum Koran in direktem Verhältnis dazu, wie sehr der Leser diese alte Etikette respektiert. Sowohl die materielle als auch die spirituelle Vorbereitung vervielfachen den Segen (Fayz), den man aus der Lektüre zieht.
Die erste Stufe der materiellen Vorbereitung ist die körperliche und räumliche Reinheit. Das Lesen des Korans im Zustand der rituellen Waschung (Wudu) ist ein Ritus der spirituellen Reinigung, der die Seele auf diesen heiligen Moment vorbereitet. Saubere Kleidung und eine ruhige Umgebung ohne Ablenkungen erhöhen die Konzentrationsfähigkeit. Bei der Lektüre über digitale Geräte ist das Ausschalten von Benachrichtigungen und das vorübergehende Trennen der Verbindung zur Außenwelt die wichtigste Form des „räumlichen Adabs“ unserer Zeit. Ein Lesen in geistiger Zerstreuung wirkt wie ein Schleier, der es den Versen erschwert, ins Herz vorzudringen. Momente des digitalen Detoxys sind die Voraussetzung dafür, mit der Offenbarung allein zu sein.
Das Sprechen des „A'udhu-Basmala“ zu Beginn ist nicht nur ein Einleitungssatz, sondern eine Reinigung des Geistes von allen Einflüsterungen und äußeren Einflüssen, um Zuflucht bei der absoluten Autorität zu suchen. Diese Handlung klärt die Absicht des Lesers und versetzt ihn in eine rezeptive (aufnahmefähige) Position gegenüber dem göttlichen Wort. Die Basmala am Anfang jeder Sure zu sprechen bedeutet, die Tore der Barmherzigkeit und des Segens dieser Sure zu öffnen. Jede Rezitation, die mit aufrichtiger Absicht beginnt, ist eine spirituelle Frequenzabstimmung, die Hindernisse zwischen Leser und Schöpfer beseitigt. Man darf nicht vergessen: Die Absicht (Niyya) ist der Motor der Tat; je reiner sie ist, desto strahlender ist das Licht, das man empfängt.

Unser Herr hat uns in der Sure al-Muzzammil die grundlegende Lesemethode gewiesen: „Und rezitiere den Koran in Tertil“. Tertil bedeutet, den Buchstaben ihr Recht zu geben, ohne Eile und über die Bedeutung nachdenkend, klar und deutlich zu lesen. Der Wettlauf, möglichst viele Seiten zu beenden, kann es erschweren, die Botschaft des Korans zu verarbeiten. Es kommt nicht auf die Quantität an, sondern auf die Qualität; bei einem einzigen Vers innezuhalten und in dessen Geist vorzudringen, ist wertvoller als seitenlanges schnelles Lesen. Das Verschönern der Stimme während der Rezitation und das Schaffen einer Atmosphäre der Ehrfurcht tragen das Wort tief in die Seele. Die Disziplin des langsamen Lesens (Slow Reading) hilft dem modernen Menschen, das verlorene Gefühl für Tiefe zurückzugewinnen.
Die im Heiligen Koran enthaltenen Sajda-Verse (Prosternationsverse) symbolisieren die absolute Ergebenheit des Gläubigen gegenüber dem göttlichen Befehl. Die „Tilawat-Sajda“, die vollzogen werden sollte, wenn diese Verse gelesen oder gehört werden, ist ein konkreter Ausdruck des Respekts vor dem Text und des Bewusstseins der Dienerschaft. Diese Praxis ermöglicht es dem Leser, nicht nur mit dem Geist, sondern mit dem gesamten Körper an der Offenbarung teilzuhaben. Der Moment der Niederwerfung ist der Moment, in dem der Diener seinem Herrn am nächsten ist. Emotionale Anteilnahme je nach Inhalt der Verse – Hoffnung bei Versen der Barmherzigkeit und Zuflucht bei Versen der Strafe – ist das Ergebnis davon, den Koran als lebendige Ansprache zu akzeptieren.
Die Rezitation mit den Worten „Sadaqallahul-azim“ (Allah der Allmächtige hat die Wahrheit gesprochen) zu beenden, ist nicht nur eine Schlussformel, sondern die Bestätigung aller gelesenen Wahrheiten und das Versprechen, diese Wahrheit zur Lebensordnung zu machen. Diese Etikette im Umgang mit dem Koran wird mit der Zeit den gesamten Charakter und die Moral des Individuums transformieren. Letztlich ist der Adab des Koranlesens ein Ganzes von Disziplinen, das uns ermöglicht, maximal vom Licht der Offenbarung zu profitieren. Von der materiellen Reinheit bis zur herzlichen Ehrfurcht macht dieser Prozess aus einem gewöhnlichen Leser einen Suchenden, der direkt vom göttlichen Wort angesprochen wird. Der Koran ist eine Quelle der Rechtleitung, die ihre Geheimnisse demjenigen öffnet, der sich ihr mit Ehrfurcht nähert.
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